Kamerakauf: Die richtige für mich?

Wer mit dem Fotografieren beginnt, muss sich noch längst keine Kamera kaufen. Unzählige Menschen fotografieren mit dem Smartphone und dass die Ergebnisse sich mit den heutigen Geräten durchaus sehen lassen können, weiß jeder, der mal intensiver auf Instagram unterwegs war. Dennoch: So richtig will es sich (zumindest für mich) doch erst nach Fotografie anfühlen, wenn auch eine »echte« Kamera zur Hand ist. Weil das vielen so gehen wird, beginnt für die meisten vermutlich die Reise mit dem Kamerakauf. Doch welche ist da die richtige?

Größer gleich besser?

Als ich anfing, habe ich erst mal zwei Wochen oder so in die Recherche gesteckt. Ich weiß noch, dass ich seinerzeit hauptsächlich die beiden Platzhirsche Nikon und Canon im Auge hatte. Warum? Weil deren Marketing wohl was richtig gemacht haben musste und ich vermutlich auch dachte, größer sei gleich besser. Ich wollte allerdings auch nicht zu viel Geld in den ersten Kamerakauf investieren, schließlich wusste ich damals nicht, ob ich am Ball bleiben würde. Also machte ich mich im Einsteigersegment schlau – etwas, was nicht unbedingt immer empfehlenswert ist, aber darauf komme ich gleich noch mal zurück. Meine Wahl fiel schließlich auf eine Nikon D3200. Damit war ich im Nikon-Lager. Grund? Die Canon-Einsteigerkameras werden bezüglich der Haptik oft mit dem Attribut »billiges Plastik« bedacht. So was wollte ich ja nun gar nicht. Alle anderen Hersteller hatte ich gar nicht erst in Betracht gezogen. War die Nikon die richtige Kamera für mich. Nun … jein. Das Gute ist, der Sensor produziert wirklich sehr schöne Ergebnisse bis zu ISO-Werten von maximal 1600 (wie ich finde). Aber das ist ab einem bestimmten Preis eigentlich immer der Fall. Außerdem ist die Kamera nicht mit Funktionen überladen. Anfänger können sich aufs Wesentliche konzentrieren und haben dennoch genug Einstellmöglichkeiten, sobald sie über die »Knipsphase« hinausgewachsen sind. Weniger schön, aber das ist rein subjektiv: Die Kamera hat keinen Klapp- oder Schwenkbildschirm. Will man Bilder aus der Froschperspektive aufnehmen oder Makroaufnahmen bewerkstelligen, dann ist ziemliches Verrenken angesagt, um noch durch den Glassucher gucken zu können oder auf dem lahmen Bildschirm was erkennen zu können. Zudem ist das mitgelieferte Kit-Objektiv zwar okay, aber mehr auch nicht (wie meistens). Relativ schnell fehlten mir zudem elementare Funktionen wie eine Spiegelvorauslösung für unverwackelte Aufnahmen vom Stativ aus. Daher ist, wie ich finde, das Einsteigersegment eben doch nicht immer das beste. Außerdem ist die »kleine« Nikon immer noch eine verdammt große Kamera (zumindest in meinen kleinen Händen) – besonders dann, wenn auch noch ein dickes Objektiv dranhängt. Im Resultat blieb die Nikon dann doch häufiger zu Hause als dass ich sie mitnahm. Wie will man so dazulernen? Richtig, gar nicht.

Kamerakauf, zweiter Versuch

2017 kaufte ich eine andere Kamera. Ging ich dieses Mal systematischer vor? Nein, im Gegenteil. Der zweite Kauf war eine reine Bauchentscheidung – zufällig eine gute. Und wiederum wohl das Resultat guten Marketings. Nach dem Besuch des Olympus Perspective Playground, einer reinen Werbeveranstaltung der Firma Olympus, wo man deren Kameras umsonst ausprobieren kann, kaufte ich direkt die OM-D E-M10 Mark II. So wenig eingängig der Name auch ist, so schön ist doch das Gerät – ein wahrer Handschmeichler, womit wir wieder bei der Bauchentscheidung wären. Ich kannte wenige Eigenschaften des Geräts, wusste vom Ausprobieren nur, sie war wahnsinnig klein, sehr leicht, fühlte sich wunderbar passend für mich an und hatte so ungefähr den besten Bildstabilisator des Universums. Seit diesem Kauf sind diverse Objektive bei mir eingezogen, einiges an Zubehör und ich fotografiere, was das Zeug hält. Weshalb? Weil die Kamera erstens so kompakt ist, dass ich sie einfach immer die Tasche stecken kann und sie mir zweitens (viel wichtiger) einfach Spaß macht.

Probieren geht über studieren

Was ich damit sagen will: Falls ihr zufällig gerade über dieses Blog gestolpert seid, weil ihr mit dem Gedanken des Kamerakaufs spielt, dann guckt nicht einfach die Wertelisten durch und lest Erfahrungsberichte. Menschen sind unterschiedlich und haben eben auch unterschiedliche Bedürfnisse, wenn es ums Fotografieren geht. Nur weil eine Kamera den besten Sensor am Markt hat, muss es nicht heißen, dass sie für euch die richtige ist. Wenn das Ding mit aufgeschraubtem Objektiv so viel wiegt wie ein Kleinwagen und ihr sie deswegen regelmäßig im Schrank lasst, bringt euch das wenig. Geht in den Laden, probiert die Dinger ruhig aus. Oft gibt es auch die Möglichkeit, Kameras zu leihen. Hab ich selbst noch nicht gemacht, würde ich dieses Mal vor einer größeren Investition aber tun (oder wieder zu einer Werbeveranstaltung gehen). Gebt nicht zu viel Geld aus. Wer willens ist, so ungefähr 300 Euro zu investieren, bekommt auf jeden Fall ein gutes Gerät, mit dem sich prima Bilder machen lassen, ganz egal, ob der Hersteller nun Nikon, Fujifilm oder Panasonic heißt. Die Kamera muss sich für euch passend anfühlen. Ist sie leicht oder schwer genug? Sind die Knöpfe gut zu erreichen? Wer das Ding später nicht gern in die Hand nimmt, hat schon verloren. Lasst euch auch nicht einreden, ein größerer Sensor würde euch automatisch helfen, bessere Bilder zu machen. Größere Sensoren bedeuten auch immer größere und schwerere Objektive. Seid ihr auf Fototour, braucht ihr dann unter Umständen große Rucksäcke, die schwer beladen zur Rückenschmerzen führen. Oder wollt ihr sogar schweres Zeug? Auch gut, aber ebenso gut, wenn man das vorm Kamerakauf auch schon weiß.

Die Kamera ist nicht alles

Ein letzter und eigentlich ebenso wichtiger Punkt, wenn auch etwas theoretisch: Überlegt euch, was ihr so fotografieren wollt. Denkt ihr über Wechselobjektive nach? Falls ja, dann überschlagt ruhig mal, was die Dinger im Nachhinein kosten würden. Die Festlegung auf einen Hersteller ist auch fast immer die Festlegung auf ein System. Warum theoretisch? Weil man oft am Anfang ja noch gar nicht weiß, was man überhaupt alles später mal fotografieren möchte. Falls ihr gar keine Objektive kaufen wollt, lasst euch bitte vom Händler vor Ort keine Spiegelreflex- oder Systemkamera aufschwatzen. Es gibt tolle Kompaktkameras, mit denen sich genauso professionell arbeiten lässt wie mit ihren großen Schwestern. Ist man mal über den Komplex hinweg, »nur eine kleine Kamera« zu besitzen, kann das sehr vorteilhaft sein.

Welche soll ich denn nun kaufen?

Falls ihr den Text bis hierher gelesen habt, sollte klar sein, dass ich hier nichts empfehlen kann oder werde. Würde ich die von mir erwähnte Olympus wieder kaufen? Aber ja! Würde ich sie euch empfehlen? Natürlich nicht. 😉 Vielleicht noch ein Schlussatz: Kauft nicht zu viel Zeug. Ich lese immer wieder von Leuten, deren erster Kamerakauf erst ein paar Monate zurückliegt und die schon eine »größere« kaufen wollen, um vermeintlich bessere Bilder zu machen. Die Bilder macht immer noch der Fotograf hinter der Kamera und erst, wenn ihr mit eurem Gerät definitiv unterfordert seid oder eine Funktion, die ihr uuunbedingt braucht, wirklich fehlt, wird es Zeit, über eine Neuanschaffung nachzudenken.

4 Gedanken

  1. Salut, Thomas.
    Der liberale Markt ist stets gewillt auch noch etwas mehr Ware an den Kunden zu veräußern; Wünsche mit Information & Möglichkeiten in Relation zu bringen bleibt da die wesentliche Strategie.
    Du definierst konkret den Unterschied zwischen alltäglicher Gelegenheitsfotografie & der Leidenschaft zu.
    Offenbar ist das “Einsteigersegment” inzwischen mehr für die Knipps-Phase ausgelegt…
    So besehen scheint mir der Akt des Kamerakaufs viel mit dem Erwerb passender Schuhe gemein zu haben (mit dem Unterschied, daß der Schuh eher dem Fuß schmeicheln sollte). Sorry, ein Kalauer…
    Vermutlich gibt es soziologische Studien darüber wie sich “die unbewußte Sublimierungsneigung auf manche Objektivgröße in den 60ern bis 90ern” ausgewirkte.
    Bevor die Kalauer noch kahler werden…

    Ein paar treffliche Portraits Deiner selbst, übrigens.

    bonté

    1. …post scriptum.
      Eben durch Dein InstArchiv schlendernd kam mir in den Sinn, daß besagtes Bienenfoto ideal für ein Superhelden-Poster-Motiv einsetzbar wäre: ‘She-Bee vs The Nectar-Raider’
      Obwohl sich bei dem Titel eher ein Kaiju-Film anbieten würde. ?

      bonté

      1. Gute Idee eigentlich. 😀 Warum gibt es denn keine riesigen Bienen in japanischen Monsterfilmen, Motten aber sehr wohl?

        Viele Grüße
        Thomas

    2. Hallo RoM,

      die Portraitkomplimente gehen an Jasmin. 😉
      Ich hab tatsächlich die Erfahrung gemacht, dass es ziemlich viel ausmacht, ob man sich mit einer Kamera wohlfühlt. Das kann völlig unabhängig von der verbauten Technik sein, muss aber nicht. Vielleicht bin ich da auch emotionaler als andere, die ihre Knipse als das sehen, was sie ja eigentlich auch ist: ein reines Arbeitsgerät.

      Die Einsteigergeräte sind schon auch gut. Das Paradoxe ist allerdings, dass gerade Funktionen, die Einsteigern wirklich helfen würden, oft erst in höherpreisigen Modellen verbaut werden. Klar, man wird dann nicht überfordert, wie ja auch beschrieben, aber andererseits … also ein Kippdisplay auch in einer Einsteigerkamera zu verbauen, das tut doch nicht weh. Aber ich bin eben auch kein erfolgreicher Produktmanager. 😉

      Ich glaube, die Größe der Objektive (und Kameras) ist für manche wirklich ein Thema. Je größer, desto mehr, ja was auch immer. 😉 Bei mir verhält sich’s eher umgekehrt. Ich packe quasi mein ganzes Equipment in eine Umhängetasche und finde das wahnsinnig praktisch. Da nehme ich eine dezent schlechtere Bildqualität (die in meinem Fall keine Rolle spielt, da ich ja eh kein Profi bin) gern in Kauf.

      Viele Grüße
      Thomas

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