Sonntag, 29. November 2009

Gut zu wissen.

Gerade entdeckte ich beim Löschen des täglich anfallenden Spam-Befalls, was mich zuweilen an lästiges Schneeschaufeln erinnert, ein hübsches Mail-Kleinod:

Hallo [Hier stand mein Name],

wir haben ihre Versicherungen und Möglichkeiten geprüft und
stellen fest, es ist an der Zeit neue Tarife zu verhandeln.
Denn nur so können sie mit [unglaublich dreister Spam-Verteiler] jährlich
bis zu 5.000 Euro sparen.

[Dann folgten jede Menge toller Links mit Vorschlägen für den Sparfuchs an sich...]

Find ich fantastisch, was die von dieser Seite, die ich übrigens nicht kenne, alles checken können. Habt ihr auch gleich meine Unterhosen gecheckt und festgestellt, dass ich ein Dutzend neue brauchen könnte, weil die Gummizüge bereits spröde und ausgeleiert sind? Ganz zu schweigen davon, dass ihr wahrscheinlich mal so eben hinten herum meinen Hintern gecheckt habt, um festzustellen, dass ich den ruhig mal mit Heißwachs enthaaren könnte, was? Meine Güte, im Internet sind sie auch wirklich alle um mein Wohl besorgt. Schön.

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Samstag, 28. November 2009

Ein wunderbarer Tag.


Er las es in der Zeitung. Zuerst meinte ein Teil seines unabänderlichen Verstandes, es müsste sich um eine andere Elise handeln. Natürlich, es konnte nicht DIE Elise sein. Doch der kleine Kasten mit der schwarzen Umrandung verriet Rüdiger schließlich auch das Geburtsdatum, was die Zweifel recht schnell ausräumte.

Elise Ritter
geb. Krauss
*19.01.1971
†20.06.2009
In Liebe und in Dankbarkeit

Und hatten die Spatzen es nicht ohnehin schon vom Dach gepfiffen? Erst vor zwei Tagen beim Einkaufen war die dicke alte Erna Brauer mit ihren vollen Einkaufstüten wie ein Pinguin auf Rüdiger zugewatschelt, um ihm nur ganz schnell ihr Beileid auszusprechen.

»Elise hatte einen Autounfall?«, hatte er rückgefragt und versucht, ein wenig Entsetzen in seiner Stimme mitklingen zu lassen. »Nein, das wusste ich noch nicht. Wissen Sie, Frau Brauer, ich habe zu meiner Exfrau keinen Kontakt mehr gehabt. Zumindest nur noch selten. Aber haben Sie Dank. Ich werde mich natürlich mit den Angehörigen in Verbindung setzen.«

Hatte er selbstverständlich nicht getan. Zugegeben, für einen Augenblick hatte er tatsächlich darüber nachgedacht, Horst anzurufen. Horst. Horst! Wer war überhaupt Horst? Sie hatte wieder geheiratet – und dann ausgerechnet diesen Horst Ritter. Nicht ganz helle, arbeitete von früh bis spät auf dem Bau. Ein Mann wie ein Bär. Kein drahtiger Informatiker wie Rüdiger einer war. Was sie von dem nur gewollt hatte? Natürlich hatten Rüdiger und Elise sich einvernehmlich getrennt. Vor zwei Jahren schon – nach nur fünf Jahren Ehe. Aber hatte sie denn gleich wieder heiraten müssen? Das hatte den Kleinkrieg schließlich erst entfacht. Und dann ausgerechnet diesen dämlichen Horst! Er hatte Horst nicht angerufen. Was hätte er ihm denn sagen sollen? Mein Beileid zum Tod meiner, nein, DEINER Frau? Willkommen in der Truppe, Sohn? Nein, es hätte keinen Zweck gehabt.

Während Rüdigers Augen nun wieder und wieder die Zeilen überflogen, verfestigte sich die Gewissheit in ihm. Ja, sie war tot. Hier stand es doch! Schwarz auf weiß! Die Feder war mächtiger als das Schwert, also musste sie auch die Wahrheit sprechen. Rüdiger nickte, ohne es zu merken. Er erhob sich von dem klapprigen Stuhl und legte die Zeitung auf den Küchentisch. Noch einmal betrachtete er die kleine, schlichte Todesanzeige in der Ecke der aufgeschlagenen Seite. Und nun schlich sich ein leichtes Grinsen in sein Gesicht. Hatte Gott ihm also endlich Gerechtigkeit zuteilwerden lassen und diese undankbare Frau mit einem symbolischen Blitz niedergestreckt! Ha, dachte Rüdiger, welch grandioser Start in einen wunderbaren Tag!

Natürlich gehörte es sich nicht, sich über den Tod eines Menschen zu freuen. Schon gar nicht über den dieses ganz bestimmten Menschen. Aber reichte es nicht, zu wissen, dass es sich nicht gehörte? Im Endeffekt war es doch wie mit der Schadenfreude: Man weiß, dass sie falsch ist, und dennoch genießt man sie auf eine spezielle Art. So, wie man Bitterschokolade genießt, die auch nie so wirklich schmeckt. Solange Rüdiger wusste, dass er sich falsch verhielt, war doch nichts dabei, ein wenig vom Triumph zu nippen.

Er schaute aus dem Fenster. Die Sonne schien. War es nicht ein wunderbarer Morgen, um auf dem Balkon zu frühstücken? Mit einer schwungvollen Handbewegung zog Rüdiger die Kühlschranktür auf und prüfte sogleich den Inhalt. Alles da. Mit einem geträllerten Bohemian Rhapsody auf den Lippen stellte er alles auf das leicht eingestaubte Tablett, das er kurz suchen musste, um es dann angelehnt neben dem Kühlschrank zu finden: Käse, ein wenig Schinken, Erdbeermarmelade, die selten gebrauchte Halbfettmargarine und natürlich das geschnittene Brot. Den Kaffee würde er sogleich nachholen. Mit dem Tablett voraus schob er sich auf den sonnenbeschienenen Balkon. Sofort fiel ihm das unschöne Bild auf: Was hatten all die leeren Kartons hier zu suchen? Unbedingt aufräumen, vermerkte Rüdiger sogleich auf seinem gedanklichen Notizblock. Wie lange er schon nicht mehr hier draußen gesessen haben musste. Fast drei Jahre musste das doch schon her sein. Er wischte den Gedanken rasch hinfort, zuckte mit der Schulter und ging wieder ins Haus, um den Kaffee zu holen.

Die Vögel sangen ihre Oden auf den Tag und das Leben, während die Sonne allmählich höher stieg und die Luft in ein warmes Kleid hüllte. Ein schöner Tag, doch den Kaffee hatte Rüdiger irgendwie heute nicht hinbekommen. Und das Brot musste wohl auch schon zu lange herumgelegen haben. Ihm schmeckte es heute einfach nicht, und so beschloss er, alles wieder abzuräumen. Der herrliche Tag ließ sich auch für einen Spaziergang nutzen.

Auf dem Weg nach draußen warf Rüdiger noch einmal einen flüchtigen Blick in die Zeitung. Elise Ritter. Schwarz hatte sie geheißen. Damals. Nicht mehr Krauss und schon gar nicht Ritter! Rüdiger warf die Tür zu und ging gemächlich die Hausflurtreppe herab. Another One Bites the Dust lag ihm auf den Lippen. Eigentlich war es doch ein Tag zum Feiern.

Irgendwie war der Stadtpark auch nicht mehr das, was er mal gewesen war, stellte Rüdiger schwermütig fest, nachdem er den verspielt verschnörkelten Weg inmitten durch die Wiesen, vorbei an Bäumen und dem großen Teich, ein Stück weit gegangen war. Die mussten hier umgebaut haben. Früher war das doch schöner gewesen. Und nun? Die ganze Atmosphäre hatten sie dem Park genommen. Warum betonierten sie ihn nicht gleich zu, wie auch den Rest der Stadt? Rüdiger fühlte sich sehr unbehaglich. Nein, ein Spaziergang hier war nicht das Wahre. Augenblicklich machte er kehrt und ging zurück nach Hause.

Immer wieder fiel sein Blick in die Zeitung. Ja, sie war gestorben. Einige Male blickte er auf das Telefon, das stumm blieb. Auch er rief niemanden an. Er würde den Tag einfach auf seiner Couch verbringen und ein wenig fernsehen. Vielleicht war das heute genau das Richtige, um die Jubelstimmung zu genießen.

Das Fernsehprogramm war wieder einmal fürchterlich. Typisch.

In der Nacht fand Rüdiger kaum Schlaf. Viel zu oft musste er sich eine verirrte Träne aus dem Augenwinkel wischen. Manchmal war es doch wie verhext, dachte er, als er gerade das Kissen herumdrehte, um auf der trockenen Seite liegen zu können. Da musste er doch tatsächlich weinen, ohne zu wissen, weshalb. An einem so wunderbaren Tag.

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Freitag, 27. November 2009

Verstimmte Klänge.

Freitagsmusik steht an, und alle so, yeah! Nun mag »Ertrinken« von den Düsseldorfer Hosen zwar nicht gerade die passende Klangkulisse für den feuchtfröhlichen Genuss des hoffentlich verdienten Feierabends sein, aber es ist eben ein so schönes Lied. So stimmig. So auf den Punkt gebracht. So ich. Einfach so eben.


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Mittwoch, 25. November 2009

Von der Zwischenwelt und weitere Weisheiten.

Die Wesen in der Zwischenwelt hassen mich. Oder sie lieben mich, weil sie mich als fleischgewordene Sitcom betrachten. So genau kann ich das noch nicht einschätzen, aber etwas davon muss es wohl sein. Am letzten Sonntag war ich nämlich joggen, wie ich es sonntags eben so tue, und verwechsle doch beim Laufen auf meiner gewohnten Strecke fast die dicke Tretmine aus dem Allerwertesten eines Menschen besten Freundes mit zusammengeknülltem Laub. Mit einem gekonnten Sprung zur Seite entging ich dem Unheil. Scheiße an den guten Laufschuhen! Das wäre es ja gewesen. In dem Zusammenhang fiel mir dann auf, dass ich seit vielen Jahren nicht mehr in die Scheiße getreten bin - jedenfalls nicht in echte mit Aroma. Tja, und was klebt am Montag, also nur einen Tag später, kurz nach Feierabend plötzlich unter meinem Schuh? Ein frisches Stück brauner Masse, die man nicht anfassen möchte. Wie soll ich das also deuten? Einfach nur Pech? Selektive Wahrnehmung? Verdammte Zwischenweltwesen! War jedenfalls eklig, die Reste, die weder Laub noch Gras zu entfernen vermochten, daheim aus dem Profil zu kratzen. Grmpf!

Dabei fällt mir eine alte Weisheit ein, die mich meine Eltern schon frühzeitig gelehrt haben: Der Westdeutsche hat grundsätzlich kein Problem damit, wenn jemand mit Schuhen durch sein häusliches Domizil latscht, während dem Ostdeutschen Selbiges so gar nicht behagt. Da gibt's dann eben Hausschuhe für den Gast, oder aber selbiger muss auf ausgelegten Zeitungsbahnen laufen. Das liegt wohl daran, dass der Ostdeutsche von Welt sich vor allem auf Teppichen wohlfühlt, während der Westdeutsche seit jeher das Parkett zu bevorzugen scheint. Seltsam eigentlich. Bröselt aber in der jüngeren Generation auf, wie ich selbst merke. Nun ja, jedenfalls war ich klug und musste weder Hundekot aus dem Teppich scheuern, noch musste ich das Parkett wischen. Hab die Kacktreter einfach vor der Haustür ausgezogen und dann direkt zur Kontamination gebracht. Habe ich übrigens erwähnt, dass das ziemlich unschön war? Grmpf!

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Montag, 23. November 2009

Das Fest der Feste vs. PhanThomas.


Ich hasse Weihnachten! Wie, es ist noch gar nicht Weihnachten? Seltsam, dass draußen alles blinkt und leuchtet, als wäre die Welt ein überdimensionierter Christbaum oder aber ein Freiluftspielcasino. Glücklicherweise bin ich vollkommen immun gegen die immense Reizüberflutung, die einem das Geld bereits aus den Taschen zieht, wenn man nur zu lang hinschaut.

Und so schritt ich soeben während meines Einkaufs - der Mann von Welt muss schließlich essen, sonst stirbt er - konsequent durch die aufgetürmten Reihen an Süßkram wie einst Moses durchs Rote Meer, immer das Ziel direkt vor den stressgeröteten Augen. Nämlich das Regal mit dem Tomatensaft. Im Gegensatz zu meinem Lieblingsmüsli kann ich mir hier immerhin jedes Mal sicher sein, dass mir keiner den letzten Karton vor der Nase wegschnappt, denn abgesehen von mir, trinkt das Zeug schließlich keine Sau. Soweit, so gut. Raus aus dem Laden, nichts Weihnachtliches gekauft. Yeah!

Dann überall diese Weihnachtsmärkte, die sie einem in den Weg stellen! Ich meine, mich erinnern zu können, dass die einst am letzten Novemberwochenende starteten. Seltsam. In einigen Jahren kann ich dann wahrscheinlich auf dem Rückweg vom feuchtfröhlichen Sommerfestbesuch drüberschlendern. Ganz abgesehen davon, dass ich das gar nicht will, denn diese blöden Märkte, die nichts anderes sind als gigantische Duftproben für konsumierbares Backwerk und Glühwein, sind ohnehin nur für glückliche Pärchen begehbar. Und nichts für verbitterte Allzeitsingles wie mich, die sich tagtäglich an ihrer Erfolglosigkeit erfreuen dürfen bzw. müssen. Ahem. Ja, verbittert! Sollte also da draußen ein nettes Mädel hocken, mitlesen und sich denken, och, der scheint aber ganz nett zu sein, also sprech ich ihn mal an - vergiss es!

Ich schweife ab, nicht wahr? Nun gut, es fällt mir auch ein wenig schwer, mich auf das verhasste Thema Weihnachten zu konzentrieren, denn hier im trauten Heim ist es etwa so weihnachtlich wie zur Mittagsstunde in der Sahara. Adventskränze, -kalender und Weihnachtsbäume sucht man bei mir vergebens. Einzig weihnachtlich ist während der bewegungsaversen Winterphase die Staubschicht, die sich wie Schnee auf mein Mobiliar legt. Schön. Nee, stattdessen gibt's bei mir wie immer gepflegte Rockmusik zur allabendlichen Belustigung auf die Ohren. Und wenn der Rest der westlichen Welt am Heiligen Abend schließlich den Griff zur Gans aus der Röhre wagt, verzichte ich auch gern darauf. Bei mir gibt's nur Weihnachtsgans N' Roses aus dem CD-Player. Entschuldigt bitte den Scherz.*

Was wollte ich eigentlich sagen? Ach ja: Ich hasse Weihnachten! Hab ich das schon erwähnt? Nein? Doch? Gut.


*Der Phonetikwitz zu  den Weihnachtsgans N' Roses stammt übrigens von Nacki, der hier ab und an mal als Ugla mitkommentiert. Ja.

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Sonntag, 22. November 2009

Tag nach Strichliste.

Wenn ich am Vorabend etwas zu großzügig mit mir selbst in Sachen Alkoholkonsum war, so bin ich am nächsten Tag meistens ein klitzekleines Bisschen vom schlechten Gewissen geplagt. Warum das so ist, erschließt sich mir zwar nicht, aber dennoch bietet dieses seltsame Gefühl mir die Gelegenheit, Ordnung in die Dinge zu bringen. Welche Dinge? Ja alle halt, die sich so anstauen, die man vor sich herschiebt wie große Dreckhaufen vor einem gewaltigen Besen und die es dann eigentlich so nach und nach abzuarbeiten gilt. Da wollen Unterlagen ausgefüllt werden, Briefe an nette Menschen geschrieben werden [Ja, ich tue das mitunter!], es wollen Sporteinheiten absolviert werden und und und. Wenn man das alles richtig regelt, bleibt übrigens sogar noch genug Zeit, der Internetsucht zu frönen. Toll. Tja, und das hat heute sogar alles mal funktioniert. So gut wie alles, was ich erledigen wollte, habe ich erledigt und fühle mich daher nun tatsächlich, als hätte ich das ultimative Feng Shui für mich entdeckt. Unsagbar! Vielleicht sollte ich mir samstags regelmäßig einen Umtrunk gönnen? Hm, das überleg ich mir noch mal.

[Nachtrag: Sogar gebloggt hab ich was. Kaum zu glauben. Sinnvolles? Eher nicht, wie man liest. Aber darum geht es ja nicht.]

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Freitag, 20. November 2009

Alte Kamellen auf die Ohren.

Muss ja zugeben, dass ich kein großer Dylan-Fan bin. Immer, wenn ich mir was von ihm anhöre, möchte ich mich sogleich beschwingt an die nächstgelegene Straßenlaterne hängen. Aber das zeigt wohl, dass die Musik ziemlich, hm, gelungen (?) ist. Wie dem auch sei, seit der hervorragende Streifen »Watchmen« im Kino lief, tue ich mir, ein wenig wehmütig aber doch immer wieder gern, das steinzeitige »The Times They Are A-Changin'« an, das dann heute mal zur Freitagsmusik herangezerrt wird. Viel Spaß beim Reinhören.




[Edit: Okay, eine Version, die auch bis zum Ende gespielt wird, ist dann doch besser. Daher also - Update!]

Ach ja, und so ganz nebenbei könnte der interessierte Leser geneigt sein, sich hübsche Kunst anzuschauen, die mir ganz gut gefallen hat. Wo? Na [hier].

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Dienstag, 17. November 2009

Beschissene Situationskomik.


Was macht man, wenn man nicht weiß, was man Feines berichten könnte? Hm, die Nachrichten meide ich in letzter Zeit ja, hab also nichts zu mosern und fühle mich so unverschämt ausgeglichen, dass ich fast schon glauben mag, eines Tages mit einer Axt durch die Fußgängerzone rennen zu müssen, um... Ach, lassen wir das.Daher Füße hochgelegt, lieber Leser, denn heute ist Anekdotenabend alá PhanThomas.

Da war ich also so um die sechzehn Jahre alt und arbeitete in den Sommerferien im Betrieb meines Vaters. Macht man ja so, wenn man sich 'ne teure PlayStation kaufen möchte. Ja, damals war das eben so: Arbeiten und alles sogleich wieder verprassen, kaum, da die Kohle auf dem Konto angekommen war. In Sachen Geldpolitik eine kleine Ein-Mann-Bundesrepublik quasi.

Es war Mittagspause, und ich musste dringend mal auf, hm, na ja, aufs Klo eben. Erleichtert hockte ich nach getaner Arbeit da und griff zum typisch einlagigen Klopapier. Tja, leider jedoch grinste mich nur eine abgewickelte, splitternackte Papprolle an. Toll. Wie gut, dass es zwei Klos in diesem Gebäude gab, direkt nebeneinander lagen - getrennt durch eine hölzerne Trennwand. Sofort erhob ich mich, um in anstrengend gebückter Haltung ins Nachbarklo zu wackeln, als-

-die Tür aufflog und ein schnaufendes Etwas, das Geräusch der Schritte ließ knappe zwohundert Kilo wandelnde Fleischmasse erahnen, sich auf den Weg zum noch freien Lokus machte. Gesagt, getan, hockte er also da, machte, dass die Luft stank, schnaufte hier, schnaufte dort, wickelte ein wenig an der Klorolle und stahl sich frisch gewischt wieder davon. Derweil Stillschweigen auf meiner Seite der Trennwand - inklusive obligatorischem Luftanhalten, um die Senfgasattacke irgendwie zu überstehen. Nun ja.

Ruhe kehrte ein, die Luft wurde klarer, und es wurde endlich Zeit für mich, einen neuen Anlauf zu wagen. Wieder erhob ich mich, schlich mich ins andere, nun freie Klo und schloss augenblicklich ab. Ein Blick auf die Klorolle ließ jedoch sofort den fürchterlichsten Albtraum Realität werden: Es war nur noch das Pappröllchen übrig. Da hatte mein Vorsitzer tatsächlich ziemlich zugeschlagen.

Was also nun? Erkunden, wozu eine raue Handfläche in Extremsituationen wie dieser in der Lage ist? Oder Schändung des Hosenbodens unter der Gefahr, für den Rest des Tages von den Nase rümpfenden Kollegen umgangen zu werden? Die Panik überfiel mich wie ein durchgedrehter Kanarienvogel. Schweißperlen rannen mir von der Stirn. Es war aus.

Dachte ich - als ich im seitlichen Blickwinkel das mich rettende Utensil erblickte: eine Happy Weekend. Lektion fürs Leben: In Industriebetrieben hängen in den Produktionshallen mindestens drei Kalender mit groß- und barbusigen Damen, während auf den Betriebsklos immer, aber auch wirklich immer, Schmuddelheftchen zu finden sind. Je oller, desto doller. Oder so.

Nachdem ich das, hm, für damalige Verhältnisse noch recht brisante Material also sitzend gesichtet und qualiätsgeprüft hatte, musste ich mich dringend entscheiden. Sollte ich die Hochglanzdamen wirklich opfern? Klar! Raaatsch, los ging's. Dumm an der ganzen Sache war eigentlich nur, dass Hochglanzpapier relativ wischresistent ist. Nun gut, das Resultat war somit leider, dass ein Großteil der nackten Nymphen dran glauben musste. Uh!

Nach Beendigung meiner schändlichen Tat machte ich übrigens, dass ich rauskam. Nur für den Fall, dass das schnaufende Etwas zurückkommen würde, um seine nun arg geschmälerte Qualitätsillustrierte zu holen. Und gleich darauf konnte ich eigentlich schon drüber lachen. Und tue es bis zum heutigen Tag.

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Sonntag, 15. November 2009

Stachelige Geschichtenzeit.

Fast schon traditionell ist es, hier am gemütlichen Sonntag ein kleines Geschichtlein zu veröffentlichen. Nun könnte ich auch was anderes schreiben, aber da in meinem Leben derzeit gähnende Leere herrscht - meistens zumindest - mach ich's einfach wie gehabt. Der folgende Text ist übrigens für ein kleines Plattenlabel gedacht und wird dann hoffentlich dort demnächst so ziemlich, huh, »independant« in einem kleinen Büchlein erscheinen. Ach ja, und falls der eine oder andere Leser sich fragen mag, an was ihn die ganze Geschichte denn bloß erinnert, so sind es mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit die [Critters].


Die Nacht der lebenden Igel

In der Hermannstraße war Ruhe eingekehrt. Die leergefegten Bordsteine waren längst hochgeklappt, und all die Eigenheime, die in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen waren, schienen tief und fest zu schlafen. Lediglich die zirpenden Grillen untermalten die perfekte Stille, als Pantothenic Acid plötzlich in ihrem klapprigen VW-Bus um die Ecke schossen und die Ruhe mit geradezu blasphemischer Penetranz durchschnitten.

Pantothenic Acid – das waren Mike, Incredible Jürgen, Frank und Paul, alias Dr. Pepe. Und der Gig des Abends war leider ordentlich schief gegangen: Nicht nur, dass die Instrumente irgendwie partout verstimmt gewesen waren, auch die anwesende Klientel im Ultimate Fighter hatte guten Punk Rock einfach nicht zu schätzen gewusst – wie immer. Na immerhin hatte es genügend Bier für lau gegeben.

An der Hausnummer 54 kam der Bus mit quietschenden Reifen zum Stehen. Die Seitentür schob sich rasant auf, worauf sich eine dichte Nebelwolke ebenso an die frische Luft zwängte wie die lauten Riffs der Band NoFX, die aus den dicken Lautsprechern dröhnten.

»Haut rein, Jungs. Wir sehen uns übermorgen bei den Proben«, sagte Mike, während er aus dem Wagen sprang. »Ach und Frank«, schloss er an, »hau ihm eine rein, auch wenn er seine scheiß Brille aufgesetzt hat!« Gehässiges, lautes Gelächter setzte ein. Darauf grinste Mike, winkte den Jungs noch einmal lässig zu und wankte schwerfällig zur Haustür. Schon war auch der alte VW wieder unterwegs. Damit entfernten NoFX sich, und endlich kehrte die gemütliche Stille in die Hermannstraße zurück.

Gerade fixierte Mike mit den Fingern das Haustürschloss, um den rostigen Schlüssel trotz seines respektablen Alkoholpegels irgendwie rein zu kriegen, als er ein lautes Schnaufen vernahm. Was war das denn jetzt, zum Teufel noch mal? Verwundert blickte er sich um, doch konnte er partout niemanden entdecken. Und eigentlich kam das Schnaufen auch eher – ja, es kam von unten! Vorsichtig senkte Mike seinen Blick und erschrak prompt vor dem sich bewegenden Bündel auf der Fußmatte. Ein verdammter Igel hockte hier! Da hatte das scheiß Biest doch tatsächlich auf ihn gelauert, um ihn vor der eigenen Haustür zu erschrecken, oder was? In einem kurzen Wutanfall und ohne weiter nachzudenken, holte Mike mit dem rechten Fuß aus und kickte das arme Tier wie ein Lederei von der Matte. Ein kurzes, lautes Quieken des Igels verriet, dass Mike ganz ordentlich getroffen haben musste. Er sah dabei zu, wie das Vieh in hohem Bogen ins Gebüsch flog. Eigentlich, schaltete Mikes Gewissen sich plötzlich ein, war das jetzt ziemlich bescheuert gewesen. Und dennoch musste er grinsen, denn der fliegende Igel hatte ihn gerade an diesen blauen Stachelknilch erinnert, den er noch aus seinen alten SEGA-Konsolen-Zeiten kannte. Sonic, hieß das Ding, fiel es ihm ein.

Für einen Moment schaute er zum Gebüsch hinüber. Nichts. Dann zuckte Mike mit den Schultern und betrat die Wohnung. Wenn er sich in der Zeit nicht so ganz vertan haben sollte, müsste er es eigentlich gerade noch rechtzeitig zum Anfang von Apocalypse Now schaffen. Bestimmt würden sie wieder diese scheiß geschnittene Version für Kleinkinder zeigen. Eine riesige Sauerei war das. Filme waren Kunst! Könnte man bei der Mona Lisa die Titten sehen, würde die schließlich auch niemand überkleben wollen. War doch so!

Mike torkelte in die Küche, öffnete den Kühlschrank und kniff vor dem Licht die Augen zu. Dann griff er den angefangenen Milchkarton aus dem Seitenfach, öffnete den Schraubverschluss und nahm einen kräftigen Schluck. Die Milch lief ihm an den Mundwinkeln herab, verteilte sich über sein T-Shirt und tropfte auf das Laminat. »Scheiße«, murmelte Mike, als er das Malheur sah, und wollte sich gerade daran machen, die verschüttete Milch mit Küchentüchern wegzuwischen, als ein lautes Scheppern aus dem Wohnzimmer an sein Ohr drang. Eigentlich sollte hier niemand weiter sein! Niemand, außer er und ein Kasten mit lauwarmem Bier neben der löchrigen Couch.

Leise schlich er sich hinüber ins dunkle Wohnzimmer. Ein wenig aufgeregt blieb er vor der Tür stehen, doch dann fasste er sich – dem Pegel sein Dank – ein Herz, griff blitzschnell mit der Hand nach dem Lichtschalter und sprang ins Zimmer. Hier war wirklich niemand. Doch da – auf dem Fußboden, direkt vor dem Fernseher lag der Center-Speaker seiner sündhaft teuren Surround-Soundanlage auf dem Boden – zerbrochen in zwei Hälften. Mike sah nach oben. Genau an der Stelle, an der eigentlich ein funktionstüchtiger Center-Speaker stehen sollte, saß so ein beschissener Igel herum. Schon wieder, verdammt! Hier musste es ein Nest geben, dachte Mike. Er spürte, wie die Wut abermals in ihm hochkochte, und schon war er dabei zu überlegen, wie er das Mistvieh wieder aus der Bude befördern konnte. Am besten würde er einfach ein Sofakissen greifen und das Biest erst mal vom Fernseher schmeißen. Anfassen wollte er das Stachelding ganz sicher nicht.

Gerade, als er zur Couch hinüberstürmen wollte, spürte er plötzlich einen stechenden Schmerz am kleinen Zeh seines linken Fußes. Er schaute nach unten und schrie vor Schreck auf. Ein weiterer Igel hatte sich unbemerkt angeschlichen und sich genüsslich in seinem Zeh festgebissen. Mike konnte bereits ein kleines Blutrinnsal an seinem Fuß erkennen, worauf er den Fuß vorschnellen ließ und den Igel wegtrat. Wieder dieses Quietschen. Wo, verdammter Mist, kamen all die Viecher her? Gab es hier Löcher in den Wänden? Wieder schaute er zum Fernseher hinüber und stellte mit Entsetzen fest, dass der Igel, der auf selbigem hockte, ihn anzustarren schien. Ja, Mike hätte sogar schwören können, dass das Tier ihn geradezu hämisch angrinste. Scheiße auch, konnten Igel überhaupt grinsen?

Schweißperlen sammelten sich auf Mikes Stirn. Mit der Hand wischte er darüber, strich er sich das lange, schwarze Haar aus dem Gesicht und sah im selben Moment, dass direkt vor ihm drei weitere Igel um den Sessel gekrabbelt kamen. Sie schnauften wie Dauerläufer und hielten ausgerechnet genau auf Mike zu. Der Igel auf dem Fernseher derweil, blieb völlig regungslos und starrte ihn noch immer diabolisch an. Und ob das Vieh grinste, dachte Mike, bevor er zu der Einsicht kam, dass es eine ziemlich gute Idee sein würde, das Wohnzimmer augenblicklich zu verlassen.

Er rannte durch den Flur, zurück in die Küche. Sofort sah er, dass der Milchkarton, aus dem er soeben noch getrunken hatte, nun auf dem Fußboden lag. Die Milch hatte sich über das Laminat ergossen, und in der Pfütze hockten sechs weitere Igel, die sich an ihrem Freigetränk gütlich taten. Als sie Mike bemerkten, hörten sie jedoch sofort auf zu trinken. Sie sahen ihn mit ihren kleinen (bösen) Knopfaugen an, dann bewegten – nein – marschierten auch sie auf ihn zu. Das war endgültig genug! Mike stürzte zur Haustür, wollte diese Hölle sofort verlassen. Kurz vor dem rettenden Ausgang sah er mit schreckgeweiteten Augen, was er gewiss nicht sehen wollte: Mindestens ein Dutzend weiterer Igel hockte wartend an der Haustür. Sie glotzten ihn an und gingen sofort wie tollwütige Hunde auf ihn los. Panisch blickte Mike nach allen Seiten. Vor ihm waren Igel, hinter ihm sowieso. Rechts war eine verdammte Wand und links war – das Bad!

Ohne lange nachzudenken, riss Mike die Badezimmertür auf, stürmte ins Bad und schloss sofort die Tür ab. Plötzlich kam ihm der grauenhafte Gedanke, dass auch hier durchaus Igel sein konnten. Er sah sich um, konnte jedoch glücklicherweise keines dieser stacheligen Monster entdecken, worauf sein Herz etwas langsamer zu schlagen schien. Was wollten die überhaupt von ihm? (Rache)

»Ich hab es nicht so gemeint. Ehrlich Leute, es tut mir leid«, brüllte Mike. Für einen Moment kehrte Ruhe ein. Doch dann, dieses Scharren. Immer deutlicher wurde es, und nun musste Mike hilflos mitanhören, dass die Igel offenbar bereits begonnen hatten, die Badezimmertür zu bearbeiten. Würden sie sich durch das Holz hindurchgraben können? Scheiße – diese Tür, fiel es Mike wie Schuppen von den Augen, war doch nur aus billigen Spanplatten! Am falschen Ende gespart, ganz eindeutig!

Viel Zeit zum Überlegen würde nun wohl nicht mehr bleiben. Seine Gedanken hasteten panisch über die Badezimmergegenstände, als ihm die simple Lösung auch schon ins Auge stach: Das Fenster, klar! Darauf hätte er auch gleich kommen können. Es war klein und etwas hoch gelegen, doch er würde sich hindurchzwängen können. All das Bier hatte bei ihm glücklicherweise nie auf die Linie geschlagen. Mit einem beherzten Sprung war er auch schon an Ort und Stelle und öffnete das Fenster mit schnellem Griff. Gerade wollte er sich mit den Händen am Fensterbrett hinaufziehen, als das Grauen ihn packte: Unzählige Igel fielen von draußen durch das Fenster wie Kohlen in einen Kellerschacht – und damit direkt ins Bad. Mike schrie laut auf. Er taumelte rückwärts, stolperte dabei über das Klobecken und stürzte ziemlich schmerzhaft zu Boden.

Fraßen Igel überhaupt Fleisch? Die Bandprobe konnte er jedenfalls vergessen, war Mikes letzter Gedanke, bevor die flinken Igel begannen, eifrig an seinen Beinen zu nagen und die heraufbrechenden Schmerzen ihm endgültig die Sinne raubten.

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Freitag, 13. November 2009

Freitagsmusik. Heute wirklich am Freitag.

Bevor wir, soll heißen ihr und ich, uns ins Wochenende stürzen, gibt's noch ein wenig feine Musik. Quasi zum Ausklang einer eventuell arbeitsintensiven Woche. Das fulminante »Can't Stop« von den Red Hot Chili Peppers - zwar schon etwas älter, dafür aber zeitlos gut - stiftet genügend Erholung, um sich fußwippend in den Feierabend zu takten, spült nebenbei ganz hübsch die Gehörgänge, und zu alledem ist das Video auch noch sehr ansehnlich geraten. Was will man mehr?


RED HOT CHILI PEPPERS - Can't Stop

rUmPeLsTiLtSkIn | MySpace Video

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Mittwoch, 11. November 2009

Spring! Enttäusch uns nicht!

Okay, eigentlich geht's mich ja so rein gar nichts an, aber ich melde mich jetzt auch einfach mal zum Tod dieses Robert Enke zu Wort. Ich muss ja - ohne, dass es mich beschämen würde - zugeben, dass ich - schließlich bin ich der weltgrößte Sportignorant - bis gestern überhaupt nicht wusste, wer dieser Mann überhaupt war. Aber gut, lesen soll ja bekanntlich ab und an bilden. Wikipedia sei Dank weiß ich jedenfalls inzwischen Bescheid. Und so will ich mich an dieser Stelle gar nicht in jegliche Spekulationen stürzen, denn passiert ist passiert, und die Beweggründe der offenbar geschundenen Seele dieses Mannes sind nichts, was ich mir auch noch aufladen muss.

Was ich allerdings in dem Zusammenhang ziemlich ätzend finde, ist, mit welcher Wucht man plötzlich seitens der Medien mit diesem, hm, offenbaren Großereignis bombardiert wird, über das, zumindest gefühlt, deutlich intensiver berichtet wird, als über das 20 jährige Mauerfalljubiläum. Ich meine doch, mal gehört zu haben, dass es eine Absprache in den Medien gibt, eben NICHT exzessiv über Selbstmorde zu berichten, um Gefährdete nicht zum Nachahmen anzuregen. Erwiesenermaßen sind öffentlich derart erörterte Suizidfälle schließlich doch ein ziemlicher Ansporn für all jene, die ebenfalls die Schnauze von diesseitiger Frischluft voll haben. Und handelt es sich bei der Person, über die berichtet wird, dann auch noch um einen Menschen der öffentlichen Wahrnehmung, um jemanden mit Fans, um jemanden, mit dem der ein oder andere sich vielleicht sogar identifizieren mag, so steigt die Gefahr der Nachahmung doch zusätzlich.

Nicht umsonst spricht man bei der Deutschen Bahn lediglich von Personenschäden, wenn wieder einmal eine Portion menschlicher Fleischsalat an der Lok klebt. Aber gut, wenn es um Verkaufs- und Klickzahlen, sprich, um den reinen Profit geht, dann verwandeln sich Ethik und Verantwortungsbewusstsein für die Presse plötzlich in Begriffe, die dem deutschen Sprachschatz eben nicht angehören. Denn nur Bares ist Wahres. Bereits heute Morgen, als die Zeitungsschlagzeilen die Meldung zum Tod dieses Fußballtorwarts frisch unter das werktätige Volk zu erbrechen begonnen hatten, regte ich mich über die immense Sensationsgeilheit auf. Aber das soll's jetzt auch von meiner Seite aus gewesen sein. Denn Jens Berger hat zum Thema unlängst [einen wunderbaren Artikel vorbereitet].

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Montag, 9. November 2009

Aus zwei mach eins. Oder?

Ach, was lässt mich diese Mauerfall- und Wiedervereinigungssentimentalität heute doch mitfühlen, so dass mein Kopf eigentlich in gar keine andere Richtung hinfortdriften mag. Also lass ich ihn treiben wie eine Luftmatratze auf dem stillen See. Die Feierlichkeiten in Berlin sind große Klasse, wenn man dem Fernsehen glauben schenken mag. Die Tatsache, dass das Volk selbst diesen Wandel selbst erreicht hat, ist sowieso fabelhaft, und irgendwie lässt die Thematik für einen Augenblick all die Probleme vergessen, die unser Land derzeit eigentlich so plagen. Seltsam finde ich jedoch, dass immer noch überall von Ost und West gesprochen wird, wo doch das Mauerfallereignis nun geschlagene zwanzig Jahre zurückliegt. Nächstes Jahr wird dann die zwanzigjährige Wiedervereinigung gefeiert, und man wird immer noch Unterschiede herbeireden. Dabei ist dann tatsächlich schon die Hälfte der Zeit vergangen, die das Zweistaaten-Deutschland überhaupt gedauert hat. Und da soll noch einer sagen, Elefanten würden nichts vergessen. Hm.

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Freitag, 6. November 2009

Freitagsmusik zum sinnigen Leben.

Hm, wird wohl Zeit, die alten Traditionen wieder aufleben zu lassen, etwas weniger zu schreiben, dafür aber mehr zu säuseln. Oder so. Jedenfalls bietet sich doch für den geruhsamen Freitagabend nichts besseres als weniger geruhsame Musik an. Heute mal wieder was aus der Mottenkiste. The Offspring mit dem guten, alten »Meaning Of Life«, seinerzeit erschienen auf dem glorreichen aber leider unterschätzten »Ixnay On The Hombre«, dem wohl besten Album der Band, bevor es dann zusammen mit Sony ab in die Belanglosigkeit ging. Was der Sinn des Lebens ist, erschließt sich mir übrigens weder aus dem Lied, noch aus dem Video so recht. Aber das Thema hab ich ja, hm, [weiter] [unten] schon geklärt. Man könnte sich natürlich alternativ dazu auch den, zum Lied gleichnamigen, Monthy-Python-Film anschauen, könnte es allerdings auch einfach sein lassen.

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Das Glück ist Apfelkuchen.

Schon lustig. Da schwadroniere ich erst kürzlich noch über das Glück an sich und pendle mit den Gedanken hin und her, ohne wirklich irgendwo ankommen zu können, und da spinnt sich der Faden doch glatt von selbst weiter. Wie daraus ein Stück Apfelkuchen wurde, weiß ich, um ganz ehrlich zu sein, auch nicht. Aber hey, ich würde gerade unheimlich gern eines essen.


Das Glück ist Apfelkuchen

Genüsslich drücke ich die drei Zinken der Gabel in den festen Zuckerguss, ganz so, als würde ich eine verletzliche Eisschicht durchstoßen wollen. Ich liebe die süßen Apfelstücken, gebettet auf festem aber doch zugleich luftigem Boden, gedeckt von der dicken und verlockenden Zuckerschicht. Derweil ich mir die Kaloriensünde auf der Zunge zergehen lasse, blicke ich gedankenverloren aus dem großen Küchenfenster, das milchiges Tageslicht in meine kahle Wohnung wirft. Hier und da zieht ein einsames Auto wie ein Präriepferd in der weiten Steppe über den grauen Asphalt. Dann wieder passiert irgendjemand, den ich ganz gewiss nicht kenne, die Ampel, den Kragen der Kälte wegen hochgeschlagen und den Kopf eingezogen, oder aber gleich in einen dicken Schal gehüllt, um kurz darauf in den Häuserschluchten dieser Stadt zu verschwinden, die sich lustlos vor mir ausbreitet, als hätte sie ohnehin keinen Spaß an meiner Gesellschaft. Geht mir am Allerwertesten vorbei, denn dies ist ein Gefühl, das wir teilen. Diese Stadt ist im Herbst, doch ist sie es eben zu jeder Jahreszeit. Und ich mag den Herbst nicht. Mochte ihn nie. Vielleicht sollte ich gehen.

Der süße, fruchtige Kuchen umschmeichelt meine Geschmacksnerven. Und genau in dem Augenblick, in dem meine bereits ungeduldig wartenden Rezeptoren auf die gebackene Köstlichkeit prallen, bin ich glücklich. Glücklich durch ein Stück Apfelkuchen? Kein Grund, gleich das bemitleidende Lächeln aus der Tasche der halbherzigen Zuwendungen zu zaubern! Das Leben bietet eben nicht viele Gelegenheiten, um das zu empfinden, was sich ganz zweifellos als Glück erkennen lässt. Nicht mehr. Einmal mehr nicht mehr. Und so ziehe ich mich wieder an den kleinen Dingen hoch, greife nach ihnen, als wären sie rettende Strohhalme, die mich davor bewahren können, im Herbstgrau zu versinken und eins mit dem tristen Schauspiel hinter meinem Fenster zu werden. Doch sie alle sind nichts als Brotkrumen auf dem Weg zum Festmahl, nehme ich an. Auf dem Weg zum nächsten, großen Ziel, das Glück für mehr als einen Wimpernschlag verheißt. Und ich glaube, ich spüre es bereits, das Ziel.

Während ich mit dem Teller am Fensterbrett stehe, frage ich mich nicht zum ersten Mal, wo ich, wie so viele andere vor und mit mir wahrscheinlich ebenso, im Leben falsch abgebogen sein mag. Wann habe ich damit aufgehört, schlicht und einfach glücklich zu sein, um stattdessen meine Zeit damit zu vergeuden, es wieder zu werden? Vielleicht war es diese Schleichfahrt von der Kindheit in die Jugend, die zu viele Fragen, zu viele Gedanken und mit alledem zu viele Enttäuschungen auf mich herabhageln ließ. Oder war gar nicht dieser Prozess, sondern eine Art nächtlicher Hammerschlag schuld, überwältigend und verheerend wie der Blackout nach dem ersten Besäufnis? Vielleicht, so stelle ich fest, ist gerade dieses Beispiel weniger weit hergeholt, als es gerade scheint. Denn ich glaube, ich hörte in etwa zu jener Zeit auf, dauerhaft glücklich zu sein, als wir uns alle johlend ins nächste Millennium schaukelten. Das Millennium, das vermaledeite. Ich erlebte den beschissenen Wechsel nicht, weil ich mit meinem Kopf in einem roten Eimer hing. Statt großer Feuerwerke hängt mir lediglich das Bild eines roten Eimerbodens, bedeckt mit meiner eigenen Kotze, im Kopf. Vielleicht bin ich also seitdem in dem verdammten Eimer stecken geblieben. In den glücklichen Momenten schaue ich auf und sauge frische Luft ein, um mich sogleich wieder in den roten Eimer zu hängen und mich mit dem Schlechten zu befassen, das auf seinem Grund schwimmt und meine Atemwege verpestet. Vielleicht sollte ich aufhören, den Kopf im roten Eimer zu vergraben, bevor ich noch an seinen Inhalten ersticke.

Ich blicke auf den Teller und denke, ich hätte Schlagsahne kaufen sollen. Zumindest verspüre ich spontan Lust darauf. Aber eigentlich ist der Kuchen doch auch so schon süß genug, um süß zu mir zu sein. Ein weiteres, großes Stück schiebe ich in meinen Mund, den ich langsam wieder schließe, um genüsslich zu kauen, um anschließend tief durch die Nase ein- und wieder auszuatmen.

Um Sorgen zu atmen. Sorgen und Missmut, die mich doch zuletzt noch nicht umgaben, als ich irgendwann und irgendwo in einer weiteren, vergänglichen Phase der Glückseligkeit badete. Wo ist es, verdammt noch mal, hin, das Glück? Wer hat ihm die Siebenmeilenstiefel angezogen? Und wo soll ich es jetzt schon wieder suchen? In der Liebe, die so süß wie der Zuckerguss hier sein möchte, mich aber nur allzu gern mit Spott für meinen Mut bestraft oder aber denselben Mut kurzzeitig belohnt, nur damit ich auf dem Highway der Gefühle aus dem Wagen gestoßen werde, im Straßengraben liegend und mit einem Pfennigabsatz im Herzen? Wo ich den Rücklichtern wehmütig nachblicken kann, um dann spüren zu müssen, wie der Verstand zu bersten droht, wenn die erlebte Zweisamkeit den Blinker betätigt und aus dem Sichtfeld entschwindet? Nein, davor möchte ich mich verschließen, will mich einmauern, zubetonieren. Ein leiser Seufzer entfährt mir. Vielleicht sollte ich es doch riskieren.

Mit der Gabel suche ich den Teller nach einem weiteren Stück Apfelkuchen ab. Doch einzig der Pling-Laut dringt an mein Ohr, als die Gabel auf das leere Porzellan des Tellers trifft. Überrascht schaue ich nach unten und stelle fest, dass das kurze Glück schon wieder vorbei ist. Verschwunden in meinem Magen, der sich nun zwei Stunden lang an den Resten gütlich tun darf. Wieder atme ich tief durch, gehe dann zur Spüle hinüber und stelle den Teller ab. Mit dem Zeigefinger picke ich die letzten Krümel auf und nasche sie von der Fingerspitze. Nach diesem kurzen Glück wird es Zeit für eine größere Portion. Zeit zu gehen, diese Stadt zu verlassen, das Abenteuer dort zu suchen, wo der Herbst hoffentlich nur der Herbst ist. Zeit, den Kopf zu heben und den ewigen Eimer ins Klo zu entleeren, denn mag auch die Luft nicht immer blumig duften, ist sie sicher allemal besser als der dauernd gleiche Mief des ewig Gestrigen. Und ja, auch Zeit, die Mauern einzureißen, zu offenbaren, dass hinter Backsteinen, rot vom Herzblut, noch Leben und Wärme warten.

All das mag mich vorerst ins große Glück führen. Und ebenso weiß ich, dass auch dieses Glück vergehen wird. Doch abermals blicke ich auf den leeren Teller, denke an den süßen Kuchen. Jetzt frage ich mich, ist das Glück nicht einfach Apfelkuchen? Irgendwann ist jedes Stück gegessen, hinterlässt schmutziges, tristes Porzellan und einige kleine Erinnerungskrümel, an denen man sich wehmütig vergeht. Aber, verdammt noch mal, was hält mich davon ab, einfach loszuziehen und mir ein neues Stück zu besorgen, wenn der Appetit es verlangt? Ein letztes Mal schaue ich auf den Teller, verziehe den Mund zu einer nachdenklichen Miene. Zeit, sich wieder mal ein extragroßes Stück unter den Nagel zu reißen, schätze ich.

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Donnerstag, 5. November 2009

Vom »Glücklichsein«.

Hab ich das Thema Glück schon mal besprochen? Bestimmt hab ich das schon getan, schließlich rede und schreibe ich zu viel, doch das, hm, ist mir wie immer natürlich reichlich egal. So fesselnd ist meine Gedankenschreibe schließlich nicht, als dass sie nicht wegklickbar wäre, um anderswo im Netz der Freuden seine kostbare Zeit zu vertun. Und nun schmeiße ich's einfach mal in den pixeligen Raum: Was ist eigentlich Glück? Einerseits wohl das Gefühl, das man im Zusammenhang mit unerwarteten, materiellen Werten oder aber ebenso unerwarteten aber dafür sehr angenehmen, erlebten Ereignissen fühlt und das somit zeitlich auf diesen Moment beschränkt ist. Der Engländer an sich nennt das dann wohl »lucky«. Aber nach dem "lucky" zu streben, ist doch eine ziemliche Farce, nicht wahr? Da können wir gleich davon leben, uns jeden Abend die Birne mit allerlei berauschenden Mittelchen zuzuknallen. Also klotzen wir doch lieber gleich richtig und streben nach dem guten alten »happy«. Ja, der Engländer an sich war da schon sehr früh sehr schlau und machte einen Unterschied zwischen Glück im banalen und Glück im wahrhaftigen Sinne.

Nun ja, und nun mag natürlich jeder seinem ganz eigenen Lebensziel entgegenstreben. Der eine hält windschnittig auf das gesetzte, große Ziel zu, will dabei selbstverständlich über »Los«, 4.000 Mark einziehen, und auf keinen Fall ins Gefängnis gehen, der nächste schmort im eigenen Saft, bis es Zeit wird, sich mal zu wenden, findet das aber eigentlich ziemlich lässig, und wieder andere Probanden mögen schreiend um einen offenen Gulli rennen und sich dabei unheimlich gut fühlen.

Aber egal, ob wir nun die geistige Erleuchtung suchen, die Transzendenz anstreben oder einfach nur auf das Gefühl hoffen, im hohen Alter stolz auf die eigene Leistung zurückblicken zu können, letztlich lässt sich das doch alles zusammenfassen, so dass wir sagen können: Wir wollen glücklich sein, dauerhaft, nachhaltig und dies wissend. Das ist es! Das ist alles und nicht mehr! Und ich glaube, jeder Mensch wird, wenn er ehrlich zu sich selbst ist, im Leben genau das und nichts anderes wollen, wenn er seine Bestrebungen aufs Wesentliche reduziert: glücklich sein.

Und weil wir Menschen oft so seltsam irrationale Wesen sind, passt es doch sehr gut, dass wir so oft feststellen, dass es ziemlich schwer ist, glücklich zu sein. Es gibt kein Patentrezept, sondern viele Zutaten, die sich mischen lassen. Und auf dem Weg zum köstlichsten Gericht tut man das ein oder andere Mal sicher zu viel Salz ins Mahl. Es gibt so viele Wege, auf denen wir dem Glück entgegenstreben können, doch statt ihnen aufrichtig zu folgen, trampeln wir in Momenten der Unachtsamkeit immer wieder neben den Pfaden und ärgern uns schließlich, dass wir plötzlich schon wieder Scheiße unterm Schuh haben. Warum nur, ja, warum machen wir es uns da selbst eigentlich so unwahrscheinlich schwer? Weshalb ist es so schwierig, wirklich und wahrhaftig glücklich zu sein? Werde ich wohl nie so ganz verstehen, fürchte ich und hoffe, dass mich das nicht weniger glücklich macht.

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Dienstag, 3. November 2009

Millionenfach daneben.

Hat jemand so ganz spontan Lust, unverschämt reich zu werden? Mir fiel nämlich kürzlich ein, dass das total einfach ist, zumindest wenn man mich kennt. Denn nun ist ja bekannt, dass ich immer mit allem daneben liege. Also tatsächlich und wirklich immer. Ja, ganz egal, was ich tue, anfasse, angucke oder durchdenke, ich liege garantiert daneben. Man gewöhnt sich daran, muss man ja schließlich auch. Doch ich schweife ab. Meine Idee ist nämlich folgende: Ich spiele ab jetzt Lotto, tippe schön meine Zahlen und liege natürlich immer genau neben den Gewinnzahlen. Klar soweit. Anschließend bekommt jemand meinen Lottoschein und tippt die Zahlen daneben. Logisch. Ist eine bombensichere Sache. Und ich verlange nur fünfzig Prozent Provision. Hey, kommt schon, bei all den Lottomillionen macht das den Kohl auch nicht mehr fett. Also, wer hat Lust?

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Sonntag, 1. November 2009

Endlich (?) wieder Märchenstunde.

Tja, hm, eigentlich hab ich ja schon seit einem Weilchen nichts Kreatives mehr zustande gebracht. Dass wenige, öhm, Meter unter diesem Posting hier ebenfalls Geschichten auftauchen, liegt wohl daran, dass ich ein fauler Hund bin und nichts anderweitig Brauchbares gebloggt habe. Hm, gelobe ich Besserung? Nö. Aber dafür wünsche ich all jenen viel Spaß beim Lesen, die eben lesen mögen, was ich einmal mehr in seliger Abendstunde zusammengehirnt habe. Ahem.


Das Auge der Sonne

-1-

Als er die Tür öffnete, hatte er das Gefühl, die Sonne würde ihn schier überwältigen, würde seine Netzhaut zu einem schwarzen Häufchen Asche verbrennen. Zischend, als hätte er auf eine Zitrone gebissen, zog er die Luft durch die zusammengebissenen Zähne ein und kniff die Augen zu. Der Himmel war strahlend blau, und keine Wolke wollte sich an diesem heißen Julimorgen vor die gleißende Sonne legen, um wohltuenden Schatten zu spenden. Schützend wie einen Schirm, legte er die rechte Hand an seine Stirn und trat nach draußen. Es würde einige Minuten dauern, doch er würde sich schon an das schneidende Tageslicht gewöhnen. So war es eben, wenn man unbedingt bis neun Uhr schlafen musste, um dann in einer halben Stunde allzu hastig seine Katzenwäsche zu betreiben, weil die Termine drängten.

Glücklicherweise fielen Einladungen zum Kaffee und Kuchen unter die Kategorie jener Termine, die er gern über sich ergehen ließ, auch wenn ihm die Müdigkeit noch allzu sehr in den Knochen steckte und der arg sonnige Morgen zumindest im Augenblick auch noch keine wirkliche Wohltat war. Irgendwann zwischen neun und zehn Uhr, hatten seine Eltern gesagt, könne er vorbeikommen. Seine Mutter wollte ein großes Frühstück vorbereiten, was sie sonst so gut wie nie tat, weil sein Vater und sie doch so selten frühstückten, und eine kleine Überraschung würde auch noch auf ihn warten, hatte sie ihn am Vorabend per Telefon wissen lassen.

Mit eingezogenem Kopf lief er die alte Dorfstraße entlang, die links und rechts zumeist von altertümlichen aber immerhin bewohnten Backsteinhäusern flankiert wurde. Er liebte den morgendlichen Geruch aus klammem Gras und Kuhdung, der von den Wiesen herübergetragen wurde, sich sanft wie ein Schleier über den Ort legte und ihn stets daran erinnerte, dass er hier und wirklich nur hier zu Hause war. Die Sonne, so grell er sie gerade auch empfinden mochte, spendete doch erquickende Wärme, die ihm das Gefühl gab, dass seine inneren Batterien sich allmählich aufluden. Spätestens nach dem herzhaften Frühstück und einem starken Kaffee mit Milch und ohne Zucker, würde er ganz auf der Höhe sein und damit bereit für das, was Bettina anschließend für seinen dreißigsten Geburtstag geplant hatte.

Während er über das alte, unebene Kopfsteinpflaster schlurfte, das er so liebte, weil es einfach schon immer hier gewesen war, länger als er selbst, und, sofern niemand auf die Idee kam, auch hier die Idylle mit Asphalt zu verschandeln, auch noch hier sein würde, wenn er bereits wieder gegangen sein würde, starrte er auf seine dunkelbraunen, frisch geputzten Sneakers, deren weiße Schnürsenkel das helle Tageslicht so stark reflektierten, dass er das Gefühl bekam, sie würden ihm beim Gehen allmählich das Augenlicht verderben. Okay, es war endlich Sommer geworden, aber musste die Sonne denn deswegen so entsetzlich grelles Licht auf die Erde schicken, dass man geradezu Kopfschmerzen bekam? Oder waren seine Augen über Nacht einfach empfindlicher geworden?

Er wusste es nicht und hob vorsichtig den Blick. Der Himmel erstrahlte so unendlich blau, dass er sich für einen Moment wünschte, es gäbe einen Deckel, den er aufschrauben könnte, um all das erfrischende Blau zu trinken. Und mitten in diesem belebenden Blau blickte die Sonne auf ihn herab, schien ihn anzustarren. Und während er nun mit schräg gelegtem Kopf und noch immer verkniffenen Augen zurückstarrte, schien es, als befände sich im Zentrum der gelben Himmelsscheibe tatsächlich ein großes, schwarzes Auge. Ein Auge, das wissend und zugleich bedrohlich wirkte und so gar nicht zu diesem wunderbaren Geburtstagsmorgen passen wollte. Mit einigem Unbehagen senkte er seinen Blick wieder, worauf das Gefühl augenblicklich hinfortstob, und er ging weiter.

Noch etwa einhundert Meter, und er würde am Haus seiner Eltern, einem früheren Bauernanwesen, dessen ursprüngliche Besitzer längst verstorben waren, angekommen sein. Das hieß, er musste nur noch an dem fürchterlich deplatzierten Hotel vorbei, das die Grundstücksbesitzer, als sie nach der Deutschen Einheit zurück in die Heimat gekommen waren, scheinbar ohne Sinn und Verstand mitten ins früher so wunderschöne Herz des Dorfes gesetzt hatten. Zu Recht, dachte er, saßen sie jetzt eben auf dem riesigen Schuldenberg, jammerten und warteten vergeblich auf die natürlich ausbleibende Kundschaft.

Nun beschleunigte er seinen Schritt etwas, damit er möglichst unbemerkt am fast immer bewachten Wohnzimmerfenster der guten Inge Schmitz vorbeikam, die schon eine steinalte Instanz gewesen war, als er und seine Schulfreunde noch mit dem Fußball die Straße auf und ab gestürmt waren. Würde sie ihn entdecken, hieße das, mindestens zwanzig Minuten Themen wie Wetterregeln, Nachbarschaftsstreitereien und Rückenbeschwerden zu diskutieren. Und würde sie gar wissen, dass er heute seinen dreißigsten Geburtstag zu feiern gedachte, dann hätte er erst recht ein Problem und käme wohl nicht um weniger als drei große Stücken Apfelkuchen mit Schlagsahne herum – und das noch vor dem Frühstück. Doch welch Glück, die gute Inge schlief entweder tatsächlich noch oder war im Hinterhof mit der Wäsche zugange. Jedenfalls hing sie nicht am Fenster, und auch die graue, undurchsichtige Gardine blieb unbewegt. Wenigstens an seinem dreißigsten Geburtstag durfte man ja wohl auch mal Glück haben, dachte er und grinste belustigt.

-2-

Ob er denn nun auch ins Ausland müsse, fragte seine Mutter, als er am weiß gedeckten Tisch saß und gierig die Brötchen mit der köstlichen, selbstgemachten Fruchtmarmelade herunterschlang. Immer wieder fragte sie nach, und immer wieder konnte er ihr doch nur sagen, dass er es nicht wisse, dass er aber davon ausgehen müsse, dass man ihn jederzeit einziehen könne.

»Du hättest eben doch einfach was Handfestes lernen sollen«, grummelte sein Vater. Der Angst davor, dass seinem Sohn, den man nun jederzeit für Deutschland nach Afghanistan rufen konnte, etwas zustoßen könnte, verlieh er schlicht dadurch Ausdruck, dass er nur sehr wenig sagte und wütend in seinen dicken, grauen Schnauzbart grummelte.

»Macht euch mal um mich keine Sorgen. Die passen da schon auf uns auf«, sagte er beschwichtigend und lächelte. Seine Mutter sah erst ihn und dann seinen noch immer stumm schmollenden Vater an, warf ihm einen verstehenden Blick zu und wechselte augenblicklich das Thema.

»Ach so, jetzt hätte ich ja fast noch deine Überraschung vergessen. Du sagst aber auch nichts«, sagte seine Mutter im aufgesetzt erfreuten Tonfall und klatschte in die Hände. Hastig eilte sie ins Schlafzimmer, und er konnte hören, wie Schränke quietschend geöffnet und laut wieder geschlossen wurden. »Ah, hier ist es«, rief sie und kam gleich darauf mit einem großen Paket in buntem Geschenkpapier herbeigerannt.

Nach seinem obligatorischen »Das wär doch aber nicht nötig gewesen!« öffnete er langsam und vorsichtig das Geschenk. Er hätte es natürlich einfach aufreißen können, doch war er eben schon immer der Meinung, dass man sich ruhig ein wenig Mühe beim Auspacken geben konnte, schließlich war das Einpacken zuvor mit Sicherheit nicht weniger mühsam gewesen. Er hob den Deckel des großen Kartons an und stellte fest, dass dieser fast ganz leer war. Seine Mutter kicherte belustigt. Er sah verwundert und doch zugleich wissend auf und entdeckte nun auch in den Augen seines Vaters nun ein freundliches Leuchten. Abermals blickte er in den Karton und erkannte den Inhalt. Mit der Hand griff er hinein und fischte sein Geschenk vorsichtig heraus.

»Reisegutscheine!«, rief er begeistert aus und meinte es auch so.

»Für Bettina und dich. Falls du doch noch weg musst, kannst du sie danach immer noch einlösen«, warf seine Mutter ein. Glücklich lächelte sie ihn an, und er lächelte zurück.

»Alles Gute, mein Sohn«, sagte sein Vater, sprang auf und umarmte ihn fest. Auch seine Mutter nahm ihn in den Arm und klopfte ihm dabei sanft auf den Rücken. »30 Jahre bist du schon«, sagte sie und schickte einen kleinen Seufzer hinterher.

Letztlich war es natürlich nicht bei einer Tasse Kaffee geblieben. Zwei mussten es schon sein, und obwohl seine Mutter sich seit jeher immer wieder pikierte, wie man denn so viel von dem Zeug trinken und trotzdem noch schlafen konnte, schenkte sie ihm gern nach.

Als er sich verabschiedet hatte und nun unter den Bäumen auf dem Hof aus dem Schatten hervortrat, musste er feststellen, dass seine Augen sich scheinbar noch immer nicht an den hellen Tag gewöhnt hatten. Im Gegenteil – er wurde das Gefühl nicht los, als wäre es, während er gefrühstückt und sein Geschenk ausgepackt hatte, noch viel heller geworden. Nun gut, es war mittlerweile fast schon Mittagszeit, doch konnte er sich nicht daran erinnern, dass er jemals schon so sehr geblendet worden war. Doch dann schob er den Gedanken einfach hinfort. Bettina würde sich über die Gutscheine freuen. Verreisen wollte sie doch sowieso endlich einmal mit ihm zusammen. Bisher hatte es nie geklappt, weil das Geld leider immer ein wenig zu knapp gewesen war. Schließlich kellnerte sie nur, bis sie Aussicht auf was Besseres haben würde, und davon wurde man nur selten über Nacht reich.

Da er es kaum erwarten konnte, ihr die erfreuliche Nachricht mitzuteilen und zudem gespannt darauf war, was sie sich für ihren gemeinsamen Tag ausgedacht haben würde, rannte er nun fast schon eher, als dass er ging. Er lief am alten und mittlerweile längst geschlossenen »Konsum« an der Ecke zur Hauptstraße vorbei, über dem er früher sogar einmal mit seinen Eltern auf knarzenden Dielen gewohnt hatte, und bog in die kleine Seitenstraße ein, die nicht einmal ein Kopfsteinpflaster besaß, sondern einfach nur aus hartem Sandboden bestand. An den Dörfern des Landes war die Zeit eben doch einfach vorbeigezogen, dachte er kurz, bevor seine Aufmerksamkeit abermals auf das grelle Sonnenlicht gelenkt wurde.

Wenn er seine Augen vollständig öffnete, brannte das Licht nun wirklich, und er spürte einen pulsierenden Schmerz in seinem Kopf. Das war doch aber unmöglich, schoss es ihm durch den Kopf. Nochmals blickte er zur Sonne auf, die ihn jetzt noch viel eher zu beobachten schien. Ganz deutlich konnte er nun den tief schwarzen Fleck in ihrer Mitte erkennen, der wie eine geweitete Pupille aussah. Für den Bruchteil einer Sekunde fiel ihm Sauron aus den Herr-der-Ringe-Filmen ein, bevor ihm wieder klar wurde, dass überhaupt nicht sein konnte, was er wahrnahm. Seine Augen mussten ihm einen Streich spielen. Es war doch ohnehin so, dass man schwarze Flecken sah, wenn man in zu grelles Licht geschaut hatte, oder nicht? Schulterzuckend versuchte er, die Sache als die Einbildung abzutun, die sie ja ganz offensichtlich war und wischte alle abstrusen Gedanken zum Auge der Sonne hinfort.

Dreimal drückte er auf den Klingelknopf, der das angenehme »Ding-Dong-Dooong« erzeugte, das er so sehr mochte, und wartete in Vorfreude darauf, dass Bettina ihm die Tür öffnen würde. Seine Augen hatte er nun fast ganz geschlossen. Nur durch einen kleinen Spalt seines linken Auges konnte er noch wahrnehmen, was vor ihm geschah. Mussten die auch ausgerechnet in einem weiß gestrichenen Haus wohnen, dachte er. Er glaubte nun fast schon daran, dass seine Augäpfel einfach in ihren Höhlen verbrennen würden, falls er beschloss, die weiße Haustür anzustarren.

Dann endlich hörte er eilige Schritte. »Ich komm schon«, rief eine hohe Stimme freudig erregt hinter der Tür, die sich gleich darauf öffnete. Grinsend fühlte er noch einmal die Reisegutscheine in seiner Tasche, ging dann einen Schritt auf die geöffnete Tür zu und wollte Bettina in seine Arme schließen.

Doch er konnte sie nicht fühlen und ging an ihr vorbei.

»Wo bist du denn?«, hörte er sie verwundert rufen. Er drehte sich im Kreis und suchte sie mit seinen tastenden Händen. Sie stand doch eben vor ihm, und nun konnte er plötzlich nichts mehr fühlen.

»Ich bin hier«, rief er ihr zu. »Hier. Aber wo bist du?«

»Ich bin doch hier«, rief sie zurück, doch ihre Stimme schien nun weiter weg zu sein. In ihren Klang hatte sich ein blechernes Hallen gemischt. »Hallo?«, hörte er sie noch einmal rufen, doch nun klang es, als stünde sie in weiter Ferne und würde über eine Wiese zu ihm herüberrufen. Warum war es hier nur so hell? Er geriet in Panik, suchte nach einem festen Punkt, an dem er sich orientieren konnte, doch alles war nur noch weiß, und er konnte absolut nichts ertasten. Und die Augen konnte er jetzt überhaupt nicht mehr öffnen. Das Licht brannte wie tausend Sonnen, und jedes Mal, wenn er auch nur für einen kurzen Moment hinter seinen Lidern hervorlugte, schien es, als würde eine Flamme sich ihren Weg in seinen Kopf bahnen wollen, um ihn innerlich zu verbrennen. Und nun schienen selbst seine Lider keinen Schutz mehr zu bieten. Es wurde heller und heller vor seinen geschlossenen Augen. Aus dem Schwarz wurde ein sanftes Grau, aus dem Grau ein aggressives Weiß, und plötzlich brannte alles. Seine Augen schmerzten so entsetzlich, dass er nicht anders konnte, als zu schreien.

-3-

Und dann endlich kam er zu sich. Der Schmerz in seinem Kopf war entsetzlich. Es war, als bekäme er jeden kostbaren Herzschlag in Form eines gewaltigen Hammerschlages ausbezahlt. Schweißperlen, die sich unter seinem Helm gebildet hatten, liefen über seinen kochend heißen Kopf, über seine Stirn und in seine Augen, die so sehr brannten. Er spürte den heißen Wüstensand unter sich und empfand ein ebenso heißes Gefühl der Feuchte auf seinem Bauch. Mit zitternder Hand fuhr er über die Stelle hinweg und schaute dann entsetzt auf seine blutrote Handfläche. Und erst jetzt gingen Sturzbäche der Erinnerung über ihn hernieder: Die Explosion direkt vor dem Transporter, dann die Hektik, laufende, schreiende Kameraden und überall das furchtbar laute Gewehrfeuer. Und was war dann geschehen? Er hatte Bauchschmerzen bekommen, und ihm war schlecht geworden, bevor er sich in den Sand übergeben hatte und zusammengebrochen war.

Und nun lag er hier, kam mehr und mehr wieder zu sich und war deshalb nun auch in der Lage zu erkennen, was sich über ihm abspielte: Er hatte die Gestalt zuerst nicht erkannt, weil das grelle Licht der Wüstensonne und der Schmerz, den sein Körper in seinen Kopf schickte, seinen Verstand und seine Wahrnehmung vernebelt hatten. Doch nun wurde alles wieder klar, und aus den Schemen schälte sich allmählich ein Mensch heraus. Ein Mensch, der breitbeinig über ihm stand, der ihm Worte zubrüllte, die er nicht verstand und der eindeutig keiner seiner Kameraden war. Direkt vor seinen Augen befand sich die Mündung eines Gewehrlaufs. Ein tief schwarzes Auge, bedrohlich und wissend, das ihn heiß und zugleich eiskalt anstarrte. Ein Auge wie das der Sonne, das er eben noch zu sehen geglaubt hatte, als er sich zum Frühstück ins Elternhaus begeben hatte, die Dorfstraße entlang gerannt war, um so schnell wie möglich zu Bettina zu kommen, die auf ihn gewartet hatte. All das war wirklich geschehen, das wusste er. Doch war es an jenem Tag nicht so entsetzlich hell gewesen. Und nun verstand er.

Das Fluchen des Mannes über ihm wurde hektischer und lauter, während sich zu der Qual in seinem Kopf ein zusätzlicher, stechender Bauchschmerz gesellte. Erschöpft schloss er die Lider. Er wollte dem grellen Licht und dem Auge der Sonne entrinnen. Das Gewehrfeuer hörte er nicht mehr.

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