
In fast keiner Disziplin ist der Mensch so unschlagbar einfallsreich wie im Morden seiner selbst. Dass Suizid feige ist, geschenkt. Dass er kein Ausweg ist, ein alter Hut. Ist was für Lebensfanatiker, die den Leuten ihren vorzeitigen Ruhestand nicht gönnen. In diese Kerbe will ich gar nicht schlagen. Viel mehr möchte ich, da ich ein recht künstlerisch interessierter Mensch bin, die kreative Seite des ganzen Prozedere betrachten. Das Gute im Schlechten, könnte man sagen. Denn so unkreativ das Leben einiger armer Seelen auch sein mag, wenn es um das Ableben geht, entwickeln sie ganz neue Ideen. Klingt paradox, ist aber so. Beispiel gefällig?
Letztens erzählte ein netter Herr, aus der Pathologie, möcht ich meinen, dem Magazin Spiegel von seinen irrwitzigsten Fällen. Ein Kerl, der sich eindeutig ziemlich satt hatte, hatte versucht, sich die Pulsadern aufzuschneiden. Klappte auch ganz gut, also hatte er wohl längs geschnitten. Und weil er offensichtlich nicht eben dumm war, wollte er scheinbar auch nicht, dass irgendeiner seiner Verwandten im Nachhinein eine dicke Rechnung für die gründliche Wohnungsreinigung bekommen könnte. Also war er so nachsichtig und füllte sein auslaufendes Blut in leere Getränkeflaschen ab. Leider jedoch war der Zapfhahn schon nach zwei Flaschen verstopft. Was also tun, wo man doch gerade schon so gut dabei war? Er schleppte sich mit letzter Kraft in sein Auto, schaffte es irgendwie noch, die Enden eines Seils um seinen Hals und um einen Baum zu schlingen und gab Gas. Kopf oder Zahl? In diesem Fall Kopf. Dem Herrn kann man jedenfalls nicht vorwerfen, er hätte keinen Plan B gehabt. Nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass er für sein Leben scheinbar nicht mal einen Plan A parat hatte. Letztlich aber Ende gut, alles gut.
Einen Fehler hatte er dann aber doch begangen. Ich meine, wenn er schon ein so kreatives Gesamtkunstwerk für seinen Abgang wählt, hätte er doch wenigstens auch für genügend Publikum sorgen können. Was nutzt eine Ausstellung ohne Besucher? Eben. Schließlich kommen Blut und Morde immer gut an, gerade wo das Fernsehprogramm in den letzten Jahren so arg nachgelassen hat. Eine Dame im Berliner Zoo zog die Sache kürzlich schon wesentlich konsequenter durch und setzte zu einem beherzten Sprung ins Eisbärengehege an. Angeblich sei sie zwar geistig verwirrt gewesen, aber ich glaube doch eher, dass sie sich vom weißen Henker mit der Knopfnase einen Kopf kürzer machen lassen wollte, etwa so wie der eben bereits genannte Herr. Nur halt nicht mit Seil, sondern mit Pranke. Nun, jedoch weiß man nicht, ob es der Fischgestank der flauschigen Brummbrüder war, der sie zur Besinnung brachte oder einfach nur das kalte Wasser, in jedem Fall kam der Entschluss zum Rückzieher einen fischigen Hauch zu spät. Doch Glück im Unglück: Der Eisbär konnte lediglich ein kleines Stück von ihr kosten und hatte anschließend wahrscheinlich noch mehr Kohldampf als vorher. Die Dame hingegen wurde rechtzeitig gerettet, hat jetzt aber eine Anzeige am Hals, was ich mir persönlich allerdings immerhin angenehmer vorstelle, als ein Seil.
Wo sich das Seil nun so durch meinen Text zieht wie ein roter Faden, bleiben wir doch gleich dabei. Der klassische Strick kommt ja auch nie so ganz aus der Mode, ist quasi die Jeans des Suizids. Allerdings ist der nichts für publikumssuchende Zootaucher, sondern eher für jene Zeitgenossen, die von Menschen an sich die Schnauze voll haben - sich selbst eingeschlossen. In meiner Heimat gab es für diesen exzentrischen Kundenkreis einen herrlichen alten Schießstand mit hoch gelegenem, stabilem Querbalken aus Stahl. So richtig grob mittelalterlich. Ein Klassiker! Sogar einige entfernt Bekannte ließen sich dort oben den frischen Wind um die Nase wehen. Warum ich darüber so locker schreiben kann? Ach, den wünschte ich schon zu Schulzeiten die Pest an den Hals. Die Pest, kein Seil! Ich schwöre! Ich hoffe ja zumindest, dass alles nach ihren Wünschen vonstatten ging. Ich meine, wenn man dann loslegt und das Genick hält, dann hängt man doch ziemlich in den Seilen. Wie dem auch sei, die hatten definitiv kein Publikum im letzten Akt. Es mussten erst tüchtige Jogger oder Jäger des Weges kommen, um zu entdecken, dass mal wieder jemand die Seele baumeln ließ. Ich für meinen Teil hätte mir ja schnellstens eine alternative Laufstrecke gesucht, aber ich laufe ja generell nicht durch Wälder.
Damit bleibt mir der Anblick solcher Stillleben glücklicherweise erspart. Was mir dagegen nicht erspart bleibt, die meisten werden's kennen, sind jene Subjekte, die zwar ebenfalls kein Publikum wünschen, dafür aber jedem noch mal so richtig auf den Keks gehen müssen, bevor sie über den Jordan gehen. Gemeint sind die fiesen Zugspringer. Ich meine, man muss denen ja hoch anrechnen, dass sie für den Arbeitsmarkt nicht ganz unwichtig sind. Schließlich müssen die Züge geschrubbt und die Schienen gesäubert werden, es müssen Verspätungsgutscheine ausgestellt und Meetings verschoben werden und und und. Dennoch, mich ärgert es sehr, wenn ich im Zug Richtung trautes Heim hocke, mich auf den Sonntagsfilm freue, und dann kommt mir im wahrsten Sinne des Wortes was dazwischen. Im Übrigen auch sehr unkreativ, diese Art, sich zu verabschieden. Hat mittlerweile den "Sprung" in den Mainstream geschafft und ist somit ziemlich out. Daher bitte nicht nachmachen.
Ich könnte wahrscheinlich ewig so weitermachen, bekommt man doch gerade in Sachen Suizid eine so unglaubliche Vielfalt geboten, dass eigentlich ein Studiengang daraus werden könnte. Theologie kann man schließlich auch studieren. Ist fast wie bei Ikea: "Entdecke die Möglichkeiten". Noch einfallsreicher ist der Mensch seit jeher nur dann, wenn es darum geht, andere unliebsame Mitbürger um die Ecke zu bringen. Das war, wie jedem bekannt sein dürfte, schon immer so, denn viele hübsche Hinrichtungsapparaturen kann man ja heute noch im Museum beäugen. Diese Ehre bleibt der Kreativität von Selbstmördern tragischerweise vorenthalten. Obwohl, wenn ich recht überlege, ist das wohl doch besser so. Kreatives Schreiben ist schließlich auch Kunst und dabei meist weit hübscher anzusehen.
street art XXIX
Vor 7 Stunden








2 mal gemeckert:
Ich hatte es dir ja schon im Forum geschrieben, aber ich mag es hier nochmal betonen. Ich bin begeistert von deinem bösen Sarkasmus und deinem Schreibstil. Freu mich auf das Kurzgeschichtenbuch und halte mich solange mit deinem Blog und dem Forum über Wasser.
Eine absolut geniale Geschichte, gefällt mir sehr sehr gut. Vor allem die Leute die den "Absprung" geschafft haben nerven mich auch regelmäßig.
Liebe Grüße schick ich dir
Des Lychen
Hallo Lychen,
uh, das ist gut. "Den Absprung schaffen". Das hätte mir noch gefehlt. :-D Sehr schön. Vielen Dank für deine Meinung. Hab mir fast schon gedacht, dass dir die Art Humor in diesem Text zusagt. ;-)
Liebe Grüße an dich
PhanThomas
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