Donnerstag, 21. August 2008

Ernährungswissenschaften

"Essen soll nicht schmecken, es soll satt machen", meinte ein Freund von mir zu Schulzeiten, wenn er in der Kantine vor seinem übervollen Teller saß und man ihm gebannt dabei zuschauen konnte, wie er versuchte, gigantische Portionen undefinierbarer künstlich gefärbter Moppelkotze in sich hineinzuschaufeln, ohne dabei die wenig genießbare Brühe über den Tellerrand schwappen zu lassen. Wirkte immer, als würde er versuchen, mit sich selbst Jenga zu spielen. Aber so waren wir eben in meiner Heimat: Das gemäßigte Essen lag uns Brandenburgern nicht. Und das Speisen auf gehobenerem Niveau schon mal gar nicht.

McDonald's etwa war für uns Provinzler kein Schnellimbiss mit Katzenhack auf Burgern, sondern ein wohlüberlegtes Event, zu dem man im Reich der "Blühenden Landschaften" unübertrieben wirklich sehr weit fahren musste. Und ein Besuch mit den Eltern im regionalen Akropolis-Restaurant, oder wie sich der jeweils einzig überlebensfähige lokale griechische Fresstempel gerade auch immer nennen mochte, war das höchste Gut der kulinarischen Gefühle. Gierig schlang man dort die als Lammfleisch getarnte Steinkohle hinunter und betäubte die geschmackliche Verwirrung des sonst so vorlauten Mundwerks mit Gallonen an Ouzo, als gäbe es kein Morgen.

So war das damals im schönen Neufünfland. Und heute? Sieht's nicht anders aus. Denn da bin ich nun, längst angekommen in der Bundesstadt Bonn, die für unternehmungslustige junge Menschen absolut NICHTS bereithält, außer Essen - das dafür jedoch in schier unendlichen Mengen und Tarnungen. Dass Quantität nichts mit Qualität zu tun hat, stört den genügsamen Bauerntrampel in mir dabei wenig. Döner, Pizza, Nudelpampe, dem Primitivling ist alles recht, solange es zum einstelligen Europreis zu bekommen ist und dabei von der Menge her etwa das Gesamt-Magenvolumen einer ausgewachsenen Kuh ausfüllt.

Geschlagen geben musste ich mich bisher lediglich der berüchtigten Nummer 39 auf der Karte des selbstbetitelten Pizza-Spezialisten. Dieses, leider durchaus schmackhafte, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, bestehend aus Gyros mit Krautsalat und Tsatsiki, umgeben vom Calzone-Teigmantel, dazu mit einer Fantastillion Kilo Käse überbacken, ließ mich über Stunden dermaßen schreckliche Füllequalen erleiden, dass ein untersuchender Arzt ohne Umschweife Leichenstarre diagnostiziert hätte. Wurde damit zu Recht anschließend von meiner persönlichen Speisekarte verbannt, das Ding. Trotz alledem bleib ich meiner Devise der kosteneffizienten Ernährung gern treu. Einfaches Prinzip: Viel hilft viel.

Nur ab und an reißen mich eher weniger freiwillige Besuche in besseren Restaurants aus dieser wohligen Unkompliziertheit heraus. Und obwohl ich mich dort stets so fehl am Platz fühle wie ein Kachelofen im Iglu, muss ich doch zumindest in diesen Momenten mit den Wölfen heulen, da man an jenen unheiligen Fressstätten üblicherweise in Begleitung auftritt. Würde ich es mir etwa beim Date im chicen Restaurant erlauben, den kulinarischen Einzeller mit einer Vorliebe für gekringeltes Viehzeug aus dem Wasser raushängen zu lassen, heißt, einen Riesenteller, einzig mit Garnelen, zu bestellen, statt vornehm tuend selbige mit grünem Spargel an Austernsauce zu ordern - ein zweites Treffen würde theoretisch zur Utopie verkommen. Praktisch tut es das allerdings auch so.

Noch schlimmer sind Betriebsausflüge, an denen dann bestenfalls auch noch der Firmenvorstand teilnimmt. Einst so geschehen, bestellte ich ein unaussprechliches Zandergericht - keine Garnelen, aber immerhin war es etwas ehemals Lebendes aus dem Wasser. Meine Entscheidung bereute ich in dem Augenblick, als mir ein vom Zug geplätteter Zahnarztspiegel neben die Serviette gelegt wurde. Noch während ich das komische Ding ungläubig beäugte, half mir ein Kollege auf die Sprünge und erklärte mir, dies sei ein Fischmesser. Man lernt ja nie aus, denn nur fünf Minuten zuvor wäre, so man mich gefragt hätte, ein Fischmesser für mich eine machetengroße, gezackte Klinge gewesen, mit der teutonische Jagdmänner sich noch eigenhändig in die Fluten stürzen, um die ganz dicken Brocken im fairen Zweikampf zu erlegen. Glücklicherweise hatte man mich nie gefragt.

So harrte ich also bibbernd der Dinge, die da, vielleicht gar zappelnd, auf mich zukommen mochten und wartete darauf, dass ich, von den Umsitzenden belächelt, mit diesem unförmigen Gerät einen Zander fachgerecht zerlegen sollte. Da sich mir jedoch nicht einmal erschließen wollte, wie man dieses so genannte Fischmesser in der Hand zu halten hatte, würde ich dem garstigen Vieh wohl einfach das Weißbierglas so lange auf den schuppigen Pelz donnern, bis einige halbwegs kaubare Teile von ihm abfallen, anschließend unauffällig die Beilagen verputzen und den Rest gesättigt tuend zurückgehen lassen. So zumindest war der Plan.

Was mir letztlich tatsächlich vor die Nase gesetzt wurde, war ein weichgekochtes, komplett grätenfreies, quadratisches Fischstäbchen, das ich ohne Mühe einzig unter Einsatz eines handelsüblichen Vierzinkers hätte verputzen können. Selbst die Zähne hätte ich für das matschige Klotzfischelend theoretisch daheim lassen können. In diesem Fall kam ich somit glimpflich davon: Das nicht notwendige, einer Maurerkelle nicht unähnliche, Messerding konnte ich letztlich souverän bedienen. Die Portion ging in Ordnung, das Bier sowieso. Es hätte also schlimmer kommen können.

So dann auch geschehen - bei der Weihnachtsfeier nämlich: Es gab verordnetes Bühnenprogramm mit Zwischenpausen zum munteren Mampfen. Jedes Mal, wenn während dieser Futterphasen eine Kellnerarmada die gigantischen metallenen Glocken von den ebenso monströsen Tellern hob, verzog sich mein Mund enttäuscht nach unten, als hätte ich Barbies zu Weihnachten bekommen: Statt reichlicher Manneskost wurden zusammengewürfelte Trauerhäufchen serviert, deren verspieltem Arrangement man deutlich ansah, dass dem zuständigen Koch eine echte Kindheit durch regelmäßige Prügel des Vaters verwehrt geblieben sein musste.

Während die Mausehappen jedoch sogar schmackhaft waren, grauste es mich vor den Unmengen an verschiedenen Werkzeugen, die sich neben den Tellern fast schon zu einer metallenen Perversion auftürmten und mich eher an die Instrumente eines Pathologen als an Essbesteck erinnerten. Nach anfänglich aufkommender Verzweiflung ergab ich mich allmählich der Devise: "Wenn ein Bauer schon fressen muss, was er nicht kennt, dann nicht auch noch mit Hilfe von Dingen, die er nicht kennt." Und so hielt ich mich einfach an Löffel, Gabel und Messer. Den Rest des, im Stile eines Uri Geller, kreativ geformten Metalls ignorierte ich fortan konsequent.

Glücklicherweise hält sich die Häufung solcher Anlässe in Grenzen. Denn letztlich geht es mir doch einzig darum, die vielen Hohlräume innerhalb meines höchstwahrscheinlich bereits unweigerlich verdorbenen Magens befriedigend zu füllen, wie ich es einstmals als einer der unzivilisierten Vorstadthelden meiner Heimat erlernte. Und reicht das Futter nicht aus, schüttet man eben so lange Flüssiges hinterher, bis dem Nahrungsaufnahmquälgeist das Gequengel vergällt. Meine Mama nannte das früher "satt trinken" und fand es wenig lustig, ließ doch diese Methode keinen Raum mehr für den liebevoll angerichteten Rosenkohl. Und der ging und geht nun wirklich nicht. Wir Provinzler mögen unkultiviert sein, doch auch wir haben eine Schmerzgrenze. Ich zumindest. Alles taugt dann eben doch nicht zur Sättigung.

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